Es gibt gute und schlechte Serien. Ebenso gibt es einzelne Folgen, die positiv oder negativ aus einer Serie hervorstechen können. Und dann gibt es Folgen, die ihren seriellen Kontext transzendieren. Sei es, weil sie eine in sich so runde Handlung haben, dass sie völlig unabhängig stattfinden können oder aber, weil sie einfach so bahnbrechend gemacht sind oder bestimmte Einzelleistungen so gut sind, dass sie über die Serie hinaus von sich reden machen. In dieser Beitragsreihe mache ich mich daran, ebensolche Folgen vorzustellen und aufzuzeigen, was sie so besonders macht.
Die Folge, die alleine steht
Über „Breaking Bad“, das AMC-Drama um den krebskranken Chemielehrer und späteren Drogenbaron Walter White, kann man viel sagen. Vor allem viel Gutes. Irgendwo zwischen „Sopranos“, „The Wire“ und „Game of Thrones“ hat sich die Serie ihren Platz auf dem popkulturellen Serienolymp des 21. Jahrhunderts erkämpft. Dabei stechen besonders die komplex aufgebauten Figuren, experimentierfreudige Drehbücher und ein unverwechselbares Tonalitätsspiel zwischen Witz, Spannung und Schmerz hervor.
Die eine Folge von „Breaking Bad“, „Fly“, die mir immer besonders in Erinnerung bleiben wird, erfüllt die drei oben genannten Merkmale voll. Darüber hinaus ist sie einzigartig, weil sie in weiten Teilen ein Kammerspiel ist, in dem wenig vorangegangene Exposition notwendig ist und in dem sich alles Wichtige aus dem Kontext erschließt. Daher kann sie auch außerhalb des Serienkontexts bestehen – und wird zum Teil sogar noch besser!
Eigentlich nur eine Filler-Folge
Schaut man auf IMDb, so ist „Breaking Bad – Fly“ mit 7,9/10 die am schlechtesten bewertete Folge der dritten Staffel. Das liegt freilich daran, dass die Handlungsdichte viel geringer ist, als in den anderen Folgen. Es handelt sich hier um eine „Filler“-Folge, die kostengünstig erstellt wurde, da den Produzenten nach den aufwendigen Kulissen der Staffel nachweislich das Budget ausging. Meiner Meinung nach ist es aber genau dieses Ausgeschlossensein, welches die Folge hervorhebt und sind es eben diese finanziellen Einschränkungen, welche die Fähigkeit der kreativen Köpfe am Set von Breaking Bad erst richtig unter Beweis stellen.
In „Fly“ passiert tatsächlich nicht viel: Walter und Jesse gehen zur Arbeit im Keller von Gus‘ Reinigung. Walter bleibt Abends länger und bemerkt, dass sich eine Fliege im Raum befindet. Er versucht ein paar mal, sie zu erschlagen, doch das Tier entkommt immer wieder. Als Jesse am nächsten Morgen wieder kommt (Walt hat die ganze Nacht wie besessen nach der Fliege gesucht), schließt sich dieser – erst widerwillig – der Jagd an. Am Ende der Folge ist die Fliege erledigt, ein Arbeitstag ist vergangen, und die Realität beginnt wieder.
Moby Dick mit Meth und Lungenkrebs
„Fly“ ist mehr als nur eine Filler-Folge. Sie dient dazu, Probleme der beiden Protagonisten aufzuzeigen und auch das Band zwischen ihnen zu hinterfragen: Jesse fühlt sich von Walter finanziell übervorteilt und unterschlägt daher einen Teil der hergestellten Drogen, um diese selbst weiterzuverkaufen. Außerdem versucht er, den Tod seiner Freundin zu verarbeiten, die an einer Heroin-Überdosis gestorben ist. Walter hingegen fühlt sich verantwortlich, da er ihren Tod hätte verhindern können. Außerdem hat seine Frau Skylar erfahren, dass er Meth herstellt und distanziert sich und ihre Kinder von ihm. Zusätzlich verdächtigt er Jesse, Drogen zu unterschlagen und hat Angst, ihr skrupelloser Boss Gus könnte Wind davon bekommen.
Immer wieder schimmern wie semiotische Blitze Indizien dieser Probleme auf, etwa am Anfang der Folge, die durch Skylars Wiegenlied eröffnet wird, oder als Jesse im Auto eine Zigarettenkippe seiner verstorbenen Freundin findet. Diese widerkehrende Symbolik erklärt dem wissenden Zuschauer, dass sich Walter und Jesse aus purem Eskapismus heraus der Jagd nach ihrem weißen Wal hingeben. So erhält auch der Titel der Folge eine neue Bedeutung: Fly, entfliehe! Die Folge ist ein Ausweg der Figuren aus ihrem Leid, ein Ausweg der Produzenten aus der Geldnot und ein Innehalten für das Publikum, welches nach den bewegten Vorgängerfolgen durchatmen und emotional aufholen kann.
Doch was passiert, wenn man den Kontext nicht kennt?
Wenn „Fly“ die erste Breaking-Bad-Folge ist, die man schaut, sind die ersten zwei Minuten sicher verwirrend: Was machen die beiden Männer da? Worüber reden sie? Was für Geräte machen sie da sauber? Und was für ein Name ist überhaupt „Mr. White“? Doch all das ist schnell vergessen, wenn Jesse nach Feierabend das Labor verlässt. Nun ist Mr. White alleine und schon bald offenbart sich ihm sein Gegenspieler: Die gemeine Hausfliege. Die nächsten zehn Minuten sind eine Kombination aus grandios desorientierenden Kameraeinstellungen (für die „Breaking Bad“ ebenfalls bekannt ist) und urkomischem Slapstick. Ein bedrohlich wirkender, stets intensiv-mürrisch dreinblickender Glatzkopf jagt mit Schuh und Notizblock eine Fliege. Captain Ahab mit Ziegenbart.
„Fly“ ist großartiges Fernsehen, weil die Folge als Stand-Alone um das Element der Desorientierung bereichert wird. Die Folge funktioniert immer noch, alle ihre kleinen emotionalen Tretminen zünden – aber der ahnungslose Zuschauer fühlt sich nun genauso hilflos wie die beiden Protagonisten. Durch viele kleine Hinweise findet er nach und nach heraus, dass Walter und Jesse tatsächlich in ihrer Situation gefangen sind, darunter leiden und sich einander dennoch nicht anvertrauen können. Während der Außenstehende die beiden Figuren immer besser kennenlernt, kann er sich immer mehr in ihnen wiederfinden.
Als Stand-Alone fast besser
Natürlich habe ich jetzt viel unterschlagen. Das Drehbuch von „Fly“ ist zwar simpel, aber wahnsinnig witzig. Bryan Cranston gibt uns in dieser Folge einen besonders guten Walter und die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern ist unglaublich. Auch und vor allem das Bild überzeugt auf ganzer Linie. Serien-DOP Michael Solvis schafft es sehr gut, die Enge im verriegelten Labor darzustellen und eine Parallele zu den Wirklichkeiten von Jesse und Walter zu schaffen, die wortwörtlich mit dem Rücken zur Wand stehen. Gleichzeitig wird es durch die vielen verschiedenen Positionen und Einstellungen nie langweilig.
Aber was „Breaking Bad – Fly“ wirklich besonders macht ist eben die Zusatzebene, die entsteht, wenn die Folge so isoliert gesehen wird, wie sie auch im Handlungsbogen von Staffel 3 steht. Kunst zeichnet sich schließlich allgemein durch Facettenreichtum aus und dadurch, dass Bedeutung immer erst im Auge des Betrachters entsteht. Und dadurch, die (diegetische) Realität auch mal auszuklammern und den Betrachter entfliehen zu lassen.
Am Ende von „Fly“ verlassen Jesse und Walter mürrisch die Reinigung. Der Mikrokosmos ist zerstört. Die Probleme haben sie wieder eingeholt. Der weiße Wal ist tot, doch zu welchem Preis?