Wann und warum hat das eigentlich genau angefangen? Gefühlt jede zweite Woche ein neues, schmonzettiges Altherren-Drama über einen älteren britischen oder französischen Mann, der in die Welt hinaus stolpert um eine letzte große Aufgabe zu erfüllen. Das lässt schmunzeln, aber auch tief blicken: In die Verfassung der postpandemischen europäischen Filmproduktion und die Zukunft des Programmkinos.
Montag ist Sneak-Tag
Ich gehe jede Woche Montag in mein Lieblingskino. Denn Montag ist Sneak-Tag. Im Rahmen der „Sneak Preview“ oder „Überraschungspremiere“ wird dann zum vergünstigten Preis ein unbekannter Film gezeigt. Für Filmverleiher interessant, um einen Ersteindruck der Publikumsreaktion zu bekommen, für viele Programmkinos eine Lebensader und der Grundstein ihres Community Buildings. Für das Publikum einfach Kult.
In Deutschland gibt es Sneak Previews seit ungefähr 30 Jahren. Inoffizielles Herz der Community ist seit über zwei Jahrzehnten die Website Score11, die einen Überblick aller Sneak Kinos zu geben versucht und außerdem eine Prognose anbietet, welcher Film wohl wahrscheinlich in deinem Kino gezeigt wird. Obwohl die Seite aktuell nur über ihre IP-Adresse zu erreichen ist, da die Verantwortlichen ihre Domain verloren haben und obwohl die Seite mutmaßlich noch heute so aussieht wie bei ihrer Gründung im Jahr 2000 wird sie von einigen wenigen sehr aktiven Usern stur weitergepflegt und mit den neusten Filmen, Kinos und Premieren gefüttert.
So liefert sie eine gute Übersicht über Filmtheater, die eine Sneak anbieten oder mal angeboten haben. Demnach zähle ich in Deutschland fast 300 Städte, in denen mal eine Sneak stattgefunden hat. Mittlerweile sind es wohl noch um die 50. Viele haben das Konzept aufgegeben, da die großen Verleiher ihre kostbaren Blockbusterfilme nicht mehr zu rabattierten Ticketpreisen hergeben. Aber viele der Kinos existieren auch nicht mehr. Wer in den letzten 10 – 20 Jahren mal in Köln, München oder Baden-Baden auf einer der Branchenmessen war, der weiß, dass die Branche schrumpft.
Umso lobenswerter sind eben die ganzen kleinen Familienbetriebe oder städtisch geförderten Programmkinos, die trotz Inflation und Blockbustern störrisch ihre Indie-OV-Sneaks anbieten, weit weniger als 10 € für ein Ticket verlangen und selbstgedrehte , charmant-dilletantische Lokalwerbung vor den Filmen präsentieren. Meist noch mit Quiz und Verlosung für das nerdige Publikum. Genauso lobenswert sind auch die von der Pandemie gebeutelten deutschen Kleinverleihe, die brav ihre Filme für die Sneak zur Verfügung stellen – kleinere Ticketpreise bedeuten schließlich theoretisch auch geringere Umsatzanteile.
Vom hundertjährigen Engländer, der auf dem Weg in voller Blüte eine Pilgerriese begann
Doch warum erzähle ich das eigentlich? Nun, seit einiger Zeit – wirklich auffällig ist es seit 2 – 3 Jahren – nehmen ich und meine Sneak-Gemeinschaft einen deutlichen, inhaltlichen Trend wahr: Neben Comicverfilmungen, saisonalen Festivalperlen und Bruce-Willis-DVD-Produktionen hat sich ein neues Genre etabliert: Alte Männer auf Reisen.
Die Prämisse ist dabei ähnlich. Männer am Lebensabend oder zumindest im Rentenalter tragen emotionalen Ballast mit sich herum. Um diesen abzulegen, bevor es ein für alle Mal zu spät ist, müssen sie ein letztes mal aufbrechen. Aus dem Altersheim, aus der Gartenlaube – eigentlich egal – aus dem Trott, halt. Auf ihrer Reise wird der Weg immer mehr zum Ziel, sie setzen sich mit ihrer Vergangenheit auseinander, wachsen daran und blicken schließlich mit frischem, innerem Frieden auf ihr erfülltes Leben zurück.
Einige Beispiele dazu, tatsächlich fast ausschließlich aus Europa: „Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr“ (2022), „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ (2023), „Ein Mann namens Otto“ (2023), „In voller Blüte“ (2023), „Auf dem Weg“ (2023), „One Life“ (2023).
Filme dieser Art gibt es eigentlich schon sehr lange. Positiv im Gedächtnis bleibt mir etwa das kitschige aber herzerwärmende Anthony-Hopkins-Vehikel „Mit Herz und Hand“ aus dem Jahre 2005 , weniger positiv die uninspirierte Bryson-Verfilmung „Picknick mit Bären“ mit Robert Redford und Nick Nolte von 2015.
Verständlich, schließlich gab es auch schon immer alte Männer, die aus dem Mainstream herauswachsen und neue Identifikationsfiguren suchen. Nur hat dieses Phänomen im Kino der letzten Jahre gefühlt unverhältnismäßig zugenommen. Das Reisemotiv scheint sich hier als Lebensparabel einfach anzubieten.
Eine Frage von Abhängigkeit und Bequemlichkeit
Wer böse auf diese Beobachtungen schaut, unterstellt vielleicht: Natürlich, wer geht denn heute noch ins Kino? Das sind ja nur die Alten. Andersherum machen ja auch nur noch die alten Schauspieler*innen Kinofilme, die Jungen sind doch alle bei Netflix & Co. in jahrelangen Contentverträgen gebunden.
Da ist sicherlich was dran, nur sehe ich das Problem im europäischen Programmkino noch präsenter.
Programmkinos – also Kinos, die in der Regel keiner großen Kette angehören und statt der ewig gleichen Blockbuster auf ein eher nischiges Programm setzen, haben per se ein älteres Publikum. Ich spreche immer gern vom „Englischlehrerkino“, welches Inhalte für eine ältere und kultivierte Mittelschicht bereitstellt. Nur wird diese Zielgruppe immer älter, neue Generationen von Kund*innen können die Umsatzlücken, die entstehen, nicht füllen.
Eine Statista-Umfrage von 2022 zum Alter der Kinobesucher*innen in Deutschland lässt vermuten, dass die Pandemie gerade die 20 – 49-Jährigen aus den Kinosälen getrieben hat. Über-50-Jährige gehen seit Corona hingegen sogar eher ins Kino als vorher, ebenso wie die Unter-20-Jährigen. Das sehen natürlich auch europäische Verleiher und Produktionsfirmen, die sich dementsprechend auf die Zielgruppe konzentrieren, die sie sicher erreichen können: „Die Alten“.
Der Raum zwischen Minions und Harold Fry
Von daher macht es Sinn, dass wir so viele Filme mit öffentlicher Förderung und aus dem Mid-Budget-Bereich sehen, die so offensichtlich an ältere Menschen gerichtet sind. Doch was ist mit den Unter-20-Jährigen? Eine neue Generation von Cineast*innen wächst heran: Ans Kino herangeführt durch Minions und Eiskönigin, angefixt durch Social Media und großartige Video-Essayisten wie Thomas Flight, oder auch einfach durch das viral marketing von Start-Up-Studios wie A24.
Ein anspruchsvolles, sehr progressives, politisches und unglaublich diverses Publikum entsteht, welches mit dem Internet als schier unendliche Wissensquelle an Filmtheorie und -trivia aufgewachsen ist. Es trägt dazu bei, dass Festivals widererstarken, im Streaming durch Anbieter wie Mubi eine algorhythmusskeptische Gegenbewegung zu Netflix und Binge-Kultur entsteht und mit Letterboxd sogar ein filmzentriertes Social Network Fuß fassen konnte.
Nun, diese „Zoomer“ sitzen dann mit mir im auf einmal wieder zum Bersten gefüllten Kinosaal der Sneak-Preview und verdrehen die Augen bei der leidenschaftslosen Performance von Hopkins, Caine, Spall und Co. Überwiegend männliche, alternde Schauspielgrößen, von denen sie zum Teil noch nie etwas gehört haben. Danke, dann doch lieber Netflix?
Natürlich ist die Situation überspitzt dargestellt. Selbstverständlich gibt es ebenjene Studios, allen voran digitalaffine New Yorker Boutique-Studios (A24, 30West/Neon, Bleecker Street), die sich der jungen Zielgruppe sehr erfolgreich annehmen. Nur sollten deutsche Verleiher, Vermarkter und Kinoketten diesem Beispiel folgen und auch den Mut zeigen, dem Nachwuchs die Hand entgegenzustrecken. Die Branche sollte alle erdenklichen Mittel nutzen, um neue Kundschaft an das Dispositiv Filmtheater zu binden, statt Jahr um Jahr dessen Abgesang herbeizuunken.
Hier fehlt die Courage, Abstand zu nehmen von der größtenteils verrenteten Bestandszielgruppe und das Vertrauen, ein Risiko einzugehen mit dieser extrem volatilen aber eben auch begeisterungsfähigen neuen Kohorte. Es muss schließlich jenseits des Blockbusterkinos zwischen „Minions“ und „Harold Fry“ noch Raum für eine Mittelstation geben, neben Anthony Hopkins und Michael Caine noch Platz für Sydney Sweeney und Jenna Ortega. Diese Generation hat es mehr als verdient!