Netflix wird wohl Warner Bros. kaufen und damit das altehrwürdige Hollywood-Studio mit all seinen Medienmarken übernehmen. Damit verliert eines der letzten beiden verbliebenen Studios der "Big Five" seine Unabhängigkeit. Nur Disney bleibt übrig - und eine zerrüttete und angezählte Traumfabrik.
Das hab' ich dann davon, am Wochenende kein Variety mehr zu lesen. Am Samstag, den 6.12. bekomme ich plötzlich um 21:30 eine Email von Netflix, und erfahre sehr unzeremoniell, dass "beloved Franchises" wie "Harry Potter, Friends, The Big Bang Theory, Casablanca, Game of Thrones and the DC Universe" bald mit "Stranger Things, Wednesday, Squid Game, Bridgerton and KPop Demon Hunters" zusammenkommen.
So kann man das natürlich auch ausdrücken, danke Reed Hastings. Auf diese komplett auf einen ergebnisorientierten Endnutzer zugeschnittene Art und Weise erfahre ich also vom Ausverkauf von Warner Bros.. Vom Ende einer Ära. Aber ich war ja selbst schuld...
Wie alles begann
Mensch, was war ich sauer. Diese völlig pragmatische und unromantische Darstellung all dieser magischen Fantasiewelten als Selling Points und Content Pools spricht Bände über die Sichtweise von Netflix auf Filme und Serien. Hier werden diese Werke, an denen hunderte von Menschen oft jahrelang gearbeitet haben, reduziert auf Spieldauer, Zuschauerzahl, Absprungrate und Wiederholungs-Anteil. Alles "KPI" oder Leistungsindikatoren, die Rückschlüsse auf den Kundenbindungswert eines Programms haben: Wenn ich die Senderechte an "The Big Bang Theory" kaufe, wie viele Menschen werden dann wie viel Zeit auf meiner Plattform verbringen und währenddessen wie viele Monate lang ein Abo bezahlen?
Und schon jetzt, einen Tag nachdem man sich einig wurde, wirbt Netflix mit dem gigantischen Aufgebot an neuen Verkaufsargumenten, das seine Bestandskunden in Zukunft bei der Stange halten und passiv berieseln soll, während sie eigentlich telefonieren, bügeln oder am Handy sitzen.
Und nein, ich gebe mich keinesfalls der Illusion hin, dass Warner und Disney Filme und ihre Schaffenden auch nur ansatzweise mehr respektieren, als Netflix es tut. Ich habe lange genug Filme vermarktet um es besser zu wissen: Auf den Filmmessen, den Events, auf denen Verleiher den Kinokettenbetreibern ihre neuen Filme vorstellen und diese für das kommende Jahresprogramm bewerben, werden die Werke ebenfalls reduziert. Auf ein Genre, das gerade gut funktioniert, auf ein Franchise, das die letzten drei Anläufe auch gut geklappt hat oder auch auf einen Influencer in der Hauptrolle, der ja 20 Mio. Follower auf TikTok hat.
Zahlen statt Träume
Das Kalkül hinter den Kulissen ist nichts Neues. Neu ist, dass es so offen und unverhohlen an den Endverbraucher kommuniziert wird. Anders gesagt: Das klassische Hollywood hat zumindest versucht, mit seinen Vergnügungsparks, seinem selbstreferenziellen Storytelling und der expansiven Meta-Berichterstattung eine Welt zu bauen, mit der man sich als Zuschauer identifizieren kann, in die man gänzlich abtauchen und in der man sich verlieren kann. Netflix tut das explizit nicht. Anstatt die Kunden einzuladen, in die wunderbare Welt von Harry Potter einzutauchen, wird er mit Keywords erschlagen, vielleicht bleibt ja eins hängen, die Quote macht's. Number go up.
In seinem fantastischen Beitrag "Casual Viewing" für das n+1 Magazine beleuchtet Will Tavlin anhand von Insiderberichten und eigener Recherche die Praktiken von Netflix und den anderen großen Streamern (zu denen, machen wir uns nichts vor, natürlich auch Disney und Co. gehören) und zeigt auf, wie der Fokus in der Filmindustrie abgewichen ist vom Ermöglichen eines immersiven Erlebnisses hin zur Bereitstellung von Hintergrundgeplänkel. So berichtet er, dass laut Insiderinformationen Netflix-Content mittlerweile durch deskriptive Dialoge und langsam fortschreitende Handlung optimiert sein soll fürs Nebenherlaufen.
Ein neues Dispositiv
Nachdem wir uns also ein Jahrhundert lang sehr wohl gefühlt haben in unserer Blackbox, in unserem foucaultschen Dispositiv Kinosaal, wird dieses so gewaltsam zerrissen wie der Körper des Demogorgon von Eleven in Stranger Things. Er weicht einem Rezeptionskonstrukt, das sich völlig in seiner Rolle als Hintergrundgeräusch zu genügen scheint, als Wühltheke vor der Kasse im Elektromarkt. Wir verkaufen hier zwar keine Magie, aber wir verkaufen alles. Und jetzt noch mehr davon.
Rant over.