Vor nunmehr 90 Jahren hat der Philosoph und Kunstkritiker Walter Benjamin der Kunst ihr "Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit" bescheinigt. Gleichsam bescherte er ihr - und mehr noch - der Kunsttheorie an sich durch seinen Begriff der "Aura" eine schwer zu fassende Definition, die durch das Jahrhundert der Digitalisierung und der Massenmedien hinweg standgehalten und Kunst greifbar gemacht hat. Und dann kam KI?
Und dann kam KI
KI. Oder vielmehr Transformer-basierte Sprachmodelle (LLMs) haben nur 3 Jahre nach ihrem Auflaufen im Mainstream weite Teile der menschlichen Existenz ad absurdum geführt. So zynisch und fatalistisch KÖNNTE man zumindest urteilen. Gehen wir ins Detail: Einen hochglanzpolierten Werbespot mit optimalem Licht, Color-Grading, Top-Models und tonnenweise Requisite zu produzieren, hat "gestern" noch Millionen gekostet. Neben Geld waren Menschen notwendig, die über Jahre und Jahrzehnte ein Handwerk gelernt und perfektioniert haben. Heute ist es ein Prompt in Sora, oder wenn man etwas mehr Gestaltungsspielraum haben möchte, klickt man sich halt etwas in ComfyUI zusammen. Die Bedienoberfläche ist zu kompliziert? Frag' halt ChatGPT!
Gut, könnte man sagen, die Demokratisierung der kreativen Wertschöpfungskette ist vollendet. Nur geht spätestens seit Sam Raimis "Spider Man" große Macht auch immer mit großer Verantwortung einher. Wer sich heute auf Youtube, Social Media, oder auch in den alten "Boomer"-Medien umsieht, wird diese Verantwortung allerdings schmerzlich vermissen. "AI-Slop" ist der trendende Fachbegriff für lieb- und gedankenlos KI-generierte Inhalte mit fragwürdigem - wenn nicht gänzlich fehlendem - Zweck.
Da wären Unmengen an Youtube-Kanälen, die im Stundentakt Videos rauspusten, um dem Algorithmus zu gefallen. Dann sind da KI-generierte Zuschauer, die mehr Traffic generieren und so für Youtube und den Kanalbetreiber mehr Einnahmen bedeuten. Und schließlich ist da ein Netzwerk aus KI-generierten Erklärbären, die sündhaft teure Tutorials vermarkten, in denen AUCH DU lernen kannst, wie du mit KI spielend leicht passives Einkommen generierst! Der ganze Apparat ist natürlich wesentlich komplizierter, viele Creators haben dazu bereits berichtet, darunter auch der großartige Mats mit Topfvollgold.
Ähnlich verhält es sich in der Kunst, wie sie klassisch verstanden wird: Filme werden mit Hilfe von KI synchronisiert und die Lippenbewegungen direkt der jeweiligen Sprache angepasst. Seit Neuestem gibt es mit Tilly Norwood sogar eine KI-Schauspielerin (obwohl ich immer noch der Meinung bin, dass das ganze entweder ein riesiger Werbegag, wenn nicht sogar ein gesellschaftssatirisches Kunst-Statement der niederländischen Komikerin Eline Van der Velden ist - wir werden sehen). Ihr KI-generiertes Showreel (oder ist es eher ein Release-Video?) trieft auch direkt vor sexistischem Innuendo, "Girl-Next-Door-Vibes" werden ihr bescheinigt. Lecker! Wenn eine KI auf Jahrzehnten sexistischer Hollywood-Berichterstattung und Drehbüchern aus den 50ern lernt, ist das kein Wunder. Hier hätte man wohl Verantwortung zeigen und händisch gegensteuern können.
Auf Malerei und Musik möchte ich hier gar nicht mehr groß eingehen, meine Feeds sind jedenfalls voll von KI-generierten Bildern und die ersten KI-generierten Songs sind in vielen Ländern auch schon an die Spitze der Charts geklettert - einschließlich Deutschland und den USA.
Und jetzt?
Es stellt sich also zum 90. Jubiläum von Benjamins Hauptwerk die Frage: Was hätte der Mann zu KI gesagt? Hätte er Tilly Norwoods Schauspiel eine auratische Ferne, eine Nicht-Greifbarkeit attestiert? Hätte ein Walter Benjamin des 21. Jahrhunderts seinen langjährigen Briefaustausch mit Berthold Brecht auf Sora geführt und statt Briefen Videos von Shrimp-Jesus hin- und hergeschickt? Wer weiß. Ich denke nicht.
Doch wie schon immer gilt auch heute: Wo eine neue Reproduktionstechnik entsteht, wo sich ein neuer Mainstream, ein Einheitsbrei entwickelt, da entsteht Kunst, die genau diesem Einheitsbrei den Spiegel vorhält. Eine Kunst, die es versteht, die neue Technik als Werkzeug zu nutzen (Stichwort techne) und sich nicht von ihr einspannen lässt.
So wie der Dadaismus sich über traditionelle Kunstformen zur letzten Jahrhundertwende lustig machte, so wie Andy Warhol den Konsumwahn durch kommodifizierte Kunst verballhornte, so gibt es auch heute Künstler:innen, die einen Weg finden, Produkten generativer KI eine Aura zu verleihen, sie über die ontologische Masse ihres Outputs zu erheben. Dazu zählt auch der KI-CEO von Oliver Frost, ein Zitate-Generator der mit Buzzwords und Binsenweisheiten um sich wirft und mit dem augenzwinkernden Ziel, CEOs zu ersetzen, "organische" Geschäftsführer auf LinkedIn das Fürchten lehrt. Und wenn Tilly Norwood nun doch ein großer satirischer Streich ist, wie ich insgeheim hoffe, dann ist auch das Kunst.
Entscheidend ist doch, ob KI nur das Werkzeug ist, das Künstler:innen beim Verwirklichen ihrer Vision hilft, oder ob sie wahllos wie am Fließband "Content" produziert. Und wenn man nur lange genug sucht, finden sich genug Beispiele für Menschen, die durch Maschinen wirken, wie sie es schon mit Fotoapparaten und Computern gemacht haben. Das macht Spaß, das macht Hoffnung. Das ist Kunst mit KI. Benjamin wäre stolz (das behauptet zumindest Grok).
Introducing Sloperator AI
Genug geredet. Ich dachte mir, ich tue auch meinen Teil, um die hirnlose Contentproduktion auf die Spitze zu treiben. Meine Hoffnung ist, dass mit steigendem Anteil inhaltlichen Mülls im Netz auch die Gegenstimmen zunehmen, die wieder originelle, menschengemachte Inhalte einfordern. Auch hier gibt es schon Bewegungen, wie z.B. das Label "Not by AI" oder der Menschen-Content-Aggregator keinslop.de von bereits erwähntem Mats.
Um diesen Trend zu beschleunigen, präsentiere ich stolz: Sloperator AI. Dieses revolutionäre Tool tut genau das, was die Menschheit sich anscheinend gerade am meisten wünscht: Es verwandelt deine Textinhalte in leeren, ihren Autor in den siebten Himmel preisenden KI-Müll, gespickt mit Gedankenstrichen und Emojis - einfach herrlich!
Angefangen hat das alles als Teil meiner Fortbildung zum Thema Web Development. Eine Vorlesung hier zum Thema LLMs, eine Vorlesung da zum Thema APIs - und schwupp - hatten wir einen wunderbaren LLM-Wrapper gebastelt. Da dachte ich mir, so was kann man doch wunderbar als Python-Webapp umsetzen, denn wenn es von einer Sache nicht genug gibt dann sind das hudelig programmierte KI-Anbindungen.
Ich wünsche also frohes Sloppen!
PS: Das Titelbild wurde mit ChatGPT erstellt. Prompt: "create a modernist painting in the style of van gogh, in pale colors, of walter benjamin looking at a sky that qualifies as "auratic" by his definition". Naja!