Grüne und rote Lichter schwirren überall umher. Wie ein 60-Zoll-Bildschirm in der Nacht brennen sich diese Töne als Simulacra der Saison dieser Tage in unsere Netzhäute ein. Niemand ist sicher - nicht mal am Kaffeestand.*
Ho, ho, ho. Es jubelt und trubelt in den nicht-so-kalten Gässchen und Sträßchen. Bei mir war tatsächlich bis jetzt noch recht wenig Weihnachtsstimmung aufgekommen, aber diese Kaffee-Kombi, die sich auch recht zufällig ergab, hat dann doch etwas in mir geweckt.
Da frag' ich mich, ob die Farben mich auch an Weihnachten erinnert hätten, wenn Juni gewesen wären. Nüchtern und am nächsten Tag betrachtet, ist das Pink auch eher unfestlich, und das Matcha-Grün zu mat(s)chig für Assoziationen mit verschneiten Tannenwäldern und Adventskränzen.
Wer setzt also wem die rot-grüne Brille auf: Sind es der Einzelhandel, "Big Spekulatius", Coca Cola, ihre Produkte mit weihnachtlichem Anstrich präsentieren, um das Jahresendgeschsäft etwas aufzupolieren?
Oder sind es doch wir Endverbraucher, die durch Vorerfahrung und Erwartungshaltung schon so auf Weihnachten getrimmt sind, dass uns die Weihnachtsglocken vom Vorjahr noch in den Ohren nachhallen und die Weihnachtssterne unserer Kindheit uns noch vor den Augenlidern herumtanzen, wenn wir die Augen zu schnell schließen?
Es ist schon beides, oder? Weihnachten als gesamtgesellschaftliches Simulacrum. Man könnte ja mal im Juni Zimtsterne backen und schauen, wie die so schmecken. So, jetzt ist der Kaffee kalt.
*Okay, zugegeben, Matcha Latte bekommt man auch unterjährig, den pinkroten Trunk aber wohl nicht. Verzeiht mir also, dass ich meinem innerlichen Drang zur Melodramatik nachgebe und mir diese kleine Freiheit einräume. Das ist dann mein Weihnachtsgeschenk - vielen Dank!
Und frohe Feiertage.