„Killers of the Flower Moon“ ist 206 Minuten lang. 206 Minuten! Schon „The Irishman“ war so lang… Scorcese hat nie kurze knackige Filme gemacht, doch der Trend zu besonderer Überlänge speziell in seinen letzten vier Werken ist unverkennbar.

Nach „Silence“ (2016) nun also der zweite Film, der über drei Stunden geht und sich kritisch mit Kolonialthematiken auseinandersetzt. Anders als bei „Silence“ ist hier die erzkatholische Ideologie allerdings stark zurückgeschraubt, auch Pacing und Colorgrading sind weitaus massentauglicher. Aber 206 Minuten…

Der Zeit angepasst – besser spät als nie

„Killers of the Flower Moon“, eine Romanadaption mit bewegter Entsstehungsgeschichte, ist offensichtlich ein Projekt, das Scorcese sehr am Herzen lag. Unmittelbar nach Erscheinen der Vorlage von David Grann im Jahr 2017 hat er sich die Filmrechte sichern lassen und bis zuletzt daran gearbeitet. Die Produktion selbst erweckte durchaus öffentliches Interesse, fiel sie doch genau in eine Zeit beschleunigter Erleuchtung, in der angestoßen durch die Ereignisse um George Floyd, #BLM und die progressiven Social-Media-Diskurse im Allgemeinen verstärkt versucht wurde, Rassismus, Kolonialismus und ihre Wurzeln aufzuarbeiten. Auch und besonders in Amerika.

So kam es Ende 2019 zu einem medial stark aufgeladenen Treffen zwischen Scorcese, seinem Team und Vertretern des Osage-Volkes, jenes Volkes an Ureinwohnern, die in „Killers…“ Opfer weißer Gier und Rücksichtslosigkeit werden. Eric Roths ursprüngliches Drehbuch zum Film hatte, ähnlich wie schon die Romanvorlage, hauptsächlich die Untersuchungen des frisch gegründeten FBI zum Thema, eine Tatsache, die den Osage missfiel. Die ganze Story ist hier nachzulesen. Im Nachhinein kann man sagen: Zum Glück ist die „Greyhorse Community“ hier aktiv geworden, denn der neue Fokus ist nicht nur zeitgemäß, sondern bietet auch anderen Darstellern als den üblichen Verdächtigen eine Bühne, um zu strahlen.

Was ist hier eigentlich los?

Doch worum geht im finalen Film eseigentlich? Der von DiCaprio gespielte, ungebildete und vom Schicksal gebeutelte Weltkriegsveteran Ernest Burkhart zieht Anfang der 1920er Jahre ins Osage-County, Oklahoma zu seinem Onkel William Hale (De Niro), der als Reservatssherrif fungiert. Der Stamm der Osage hatte das Land Jahre zuvor für sich beansprucht, noch bevor die beachtlichen Ölschätze bekannt wurden, die in seiner Erde schlummerten. Als Ernest im Land der Osage ankommt gilt der Ureinwohnerstamm aufgrund seines Ölbesitzes bereits als das pro Kopf wohlhabendste Volk der Welt. Die Osage verpachten das Land zur Nutzung an die meistbietenden Ölfirmen und vererben es innerhalb der Stammesfamilien weiter.

So beginnt der Film auch auf einer viel befahrenen Hauptstraße und der Zuschauer fühlt sich wie inmitten einer Sensibilisierungsmaßnahme für das White Privilege: Menschen in traditioneller Stammeskleidung laufen über eine geschäftige Straße und lassen sich von Weißen zu Touristenpreisen (oder wie es hier heißt „Indianerpreisen“) fotografieren, herumkutschieren und sich die Schuhe bürsten. Fantastisch! Doch der weiße Mann hat natürlich schon Mittel und Wege gefunden, um die Eigentumsverhältnisse zu unterwandern. Ein perfides Netz aus Eheschwindlern, Meuchelmördern und anderweitigen Opportunisten trachtet nach dem kostbaren Land. Ernest, dessen erste fünf Sätze im Film die beiden Phrasen „Ich liebe alle Frauen“ und „Ich liebe Geld“ beinhalten, fühlt sich direkt wie zuhause.

Groß besetzt. Zu groß?

Der Film ist fast durchweg genial besetzt. Besonders die weibliche Hauptrolle Mollie wird von Lily Gladstone extrem einfühlsam und vielschichtig gespielt. So sehr sogar, dass sie manchmal von der Leinwand herabzuspringen scheint, um nach einer größeren Rolle zu verlangen – doch dazu später mehr. Auch Titel-„Held“ DiCaprio gibt einen wunderbaren, dümmlich-grausamen Ernest, dem er durch das vielschichtige Spiel allerdings manchmal ein Hadern und eine Menschlichkeit einhaucht, die die Geschichte fast unglaubwürdig werden lassen.

Einzig De Niro wirkt müde in seiner Rolle und gibt den intriganten Philantropen-Bösewicht weniger energetisch und überzeugend, als er es vielleicht vor 20 Jahren vermocht hätte und ganz sicher als es ein Daniel Day Lewis seinerzeit in „Gangs of New York“ getan hat. Andere Zeit, anderes Drehbuch, trotzdem. Auch viele der zum Teil nur für einzelne Szenen gecasteten, namhaften Darsteller überzeugen durchweg. Brendan Fraser zum Beispiel, ist frisch vom roten Teppich in Venedig und mit ebensolchem Selbstbewusstsein als schmieriger, überschwänglich theatralischer Anwalt zu sehen. Aber nur in zwei Szenen.

Generell scheint es in den letzten Jahren zu einer Art Tradition für Hollywoods A-Liste geworden zu sein, für eine Minute als Hintergrundstatist in einem Scorcese-Film alles stehen und liegen zu lassen. Jonah Hill hat bekannterweise für seine Rolle in „Wolf of Wall Street“ die rechtliche Minimalgage für einen Hauptdarsteller von 60.000 $ genommen. In „Killers of the Flower Moon“ sehen wir allerdings extrem viele bekannte Gesichter im Hintergrund (schaut selbst mal hin! Wer sich auch nur ein bisschen auskennt wird nicht glauben, wer da alles zum Teil ohne Sprechrolle im Hintergrund herumsteht).

Mut zur Fiktion – oder Mut zum Fokus

Man merkt es dem Drehbuch an, dass es (mutmaßlich) ursprünglich einen andere Fokus hatte. Zumindest lässt es viele Fragen offen, wobei die Lücken nichts zur Erfahrung beitragen. Vielmehr leidet das Drehbuch unter seiner Detailtreue zum realen Kernmaterial, bzw. dessen Dokumentation. Die Hintergründe der Osage-Morde sind komplex, die Akteure handeln wie echte Menschen, widersprüchlich und intransparent. Dadurch fehlt oft eine klare Linie. Hier hätte der nach dem Treffen mit den Osage angestrebte Neufokus – weg von den Tätern und hin zu den Leidtragenden der Morde – stringenter durchgesetzt werden können.

Konkret hätte dem Film gut getan, der weiblichen Hauptfigur mehr Aufmerksamkeit zu schenken und weniger Leos Ernest, dem zugrunde anscheinend ein eher tumber und gewissenloser Schurke liegt und dessen Darstellung als ein mit seinen eigenen Taten in Konflikt stehender „Bösewicht wider Willen“ zum Großteil misslingt.

Vielmehr hätten die Leiden von Molly das Rampenlicht verdient, zumal diese wirklich fantastisch gespielt ist. Gladstone verleiht ihr gleichzeitig eine stoische Stärke, eine berührende Zärtlichkeit und in Momenten der Trauer eine fast unheimliche Menschlichkeit. Jede Szene, in der sie zu sehen ist, ist eine kleine emotionale Offenbarung. Gleichzeitig kommt beim Zuschauer jedes Mal die Frage auf, weshalb sie sich ihrer Situation überhaupt beugt und weshalb eine so starke Persönlichkeit sich an dieser Stelle in ihr Schicksal fügt. Nicht dass es dafür keine Erklärungsansätze in einem größeren geschichtlichen Kontext gäbe, aber hier werden sie unzureichend thematisiert und auch Mollys inneren Konflikten wird zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Stattdessen schleift der Meister das Publikum mit auf eine etwas unkoordinierte und wirr geschnittene Irrfahrt durch mehrere Zeitebenen, mit vielen kleinen und nicht ausreichend vorgestellten Figuren, die dann oft nur ins Off hinein erwähnt werden und deren Namen man dann schlecht wieder zuordnen kann. Man fühlt sich an vielen Stellen in der Handlung verloren, aus ihr herausgerissen und findet erst mehrere Szenen später wieder Anschluss, wenn besagte Person wieder erscheint. So fehlt die emotionale Immersivität, die noch in Scorceses früheren und Cast-technisch meist reduzierteren Werken zu loben war.

Darf das witzig sein?

Kopfzerbrechen bereitet auch der Ton des Films. Scorcese ist in den letzten 30 Jahren mit seinen Drahtseilakten aus roher Gewalt und spitzem szenischen wie dialogbasierten Humor immer sehr gut gefahren. Hier allerdings kratzt sich die Zuschauerin womöglich am Kopf. Gerade die Überspitzung vieler Figuren wirkt geschmacklos und vor dem Hintergrund der politischen wie gesellschaftlichen Tragweite der Probleme unpassend – da wären wir wieder bei der mangelnden Tiefe.

Andererseits ist man angesichts der Gräueltaten, die hier präsentiert und ohne sichtbare Gewissensbisse abgeleistet werden auch dankbar darum, dass die Urheber der Gewalt derart der Lächerlichkeit preisgegeben werden wie Frasiers grotesk-schmieriger Anwalt, DiCaprios dämlicher und mit schrecklich schlechten Zähnen grinsender Antiheld. Ich erspare uns jetzt noch einen Paragraphen, in dem ich meine vertrakten Eindrücke immer wieder neu relativiere und einige mich darauf: Es ist kompliziert, der Humor ist ein doch erwünschter Schlussstrich.

Trotz aller Mäkelei:

Scorcese bleibt Scorcese, der Soundtrack ist toll und stimmungsvoll, die Fotografie ist großartig und die 206 Minuten vergehen zumindest nicht übermäßig langsam. Das Cast überzeugt beinahe durchweg. Scorcese lässt es sich auch nicht nehmen im (vielleicht etwas zu) unterhaltsamen Epilog des Films selbst die tatsächliche Bühne einzunehmen und uns das spätere Schicksal der echten Molly mit auf den Weg zu geben, ein rührender Moment (und leider wieder ein Zeichen dafür, dass bei ihrer Rolle Potenzial verschenkt wurde).

So verlässt man nach 206 Minuten (ich sag es nochmal!) den Saal mit dem Gefühl, eine große Geschichte miterlebt zu haben, die es verdient hat, nun endlich erzählt worden zu sein, die würdevoll erzählt wurde und in ihrer Schrecklichkeit perfiderweise doch viel Unterhaltungswert zu bieten hatte.

„Killers of the Flower Moon“ läuft aktuell im Kino.