Und wieder ein Film, den ich schon vor geraumer Zeit hätte sehen sollen. Und wollen! Leider ist immer irgendwas dazwischen gekommen, nicht zuletzt Pandemie und Kino-Schließungen. Life, you know? Nun war es dann aber soweit und ich habe mir an einem ruhigen und ereignislosen Samstagnachmittag „Peanut Butter Falcon“ angesehen.

Indie Schmindie

Und, was soll man sagen, außer: Life, you know? In diesem wie vielen anderen Punkten erfüllt der Film nämlich das klassische Klischee eines Indies auf dem US-Festival-Circuit: Er zeigt auf dramatisiert-humoristische Weise schnappschussartig Missstände in unserer Gesellschaft auf. Stylized life, you know? Soweit so langweilig.

Aber fangen wir vorne an: Das Regie-Debüt des unscheinbaren Regisseur-Duos Tylor Nilson & Michael Schwartz macht sich auf, eine modernere und sozial umsichtigere Version von Mark Twains Huckleberry Finn-Geschichte zu erzählen. Der Film hat für viel Furore auf seiner Festivalreise gesorgt, nicht zuletzt wegen Newcomer Zack Gottsagen in der Hauptrolle des gleichnamigen Zak. Stargepowerte Unterstützung bekommt er von den Ex-Teenie Stars Shia LaBeouf („Transformers“ etc., hier als zweiter Teil des Abenteurerduos) und Dakota Johnson („Fifty Shades of Grey“).

Und das passiert:

Der 34-jährige Zak, der mit Down Syndrom geboren wurde, lebt im US-Bundesstaat Virginia in einem Altenheim. Warum? Na, weil der Staat ihn ja als Mensch mit Down-Syndrom irgendwo hinstecken musste. Doch der freiheitsliebende Zak reißt – motiviert von seinem arthritisch-anarchischen Mitbewohner – eines Nachts aus. Altenpflegerin Eleanor (Johnson) macht sich daraufhin auf, ihn zu finden und zurückzuholen. Wieso? Na, weil ein junger Erwachsener natürlich in einem Altenheim besser aufgehoben ist als in der Selbstbestimmtheit, und als professionelle Pflegekraft hinterfragt man das auch nicht!

Auf jeden Fall trifft Zak bald auf Tyler (LaBeouf), einen Fischer, der nach dem Tod seines geliebten Bruders dessen Fischerlizenz an einen verfeindeten Fischer verloren hat. Tyler muss vor den bösen Fischern fliehen, nachdem er deren Netze zerstört hat und schließt sich mit Zak zusammen, der unbedingt den Profi-Wrestler von seiner Lieblings-VHS kennenlernen möchte, der zufällig drei Dörfer weiter lebt. Es entsteht die klassische Huck-Finn-Story, zwei Außenseiter machen sich auf, fliehen vor dem Leben und suchen gleichzeitig ein neues, entdecken sich gegenseitig und dabei sich selbst. Entschuldigt, wenn mir beim Nacherzählen die Leidenschaft abhanden gekommen zu sein scheint, aber ich habe diesem Film definitiv nicht so viel abgewinnen können wie die Indie-Festivallandschaft.

Ein Drehbuch, so löchrig wie die Landstraßen Virginias

Die Prämisse ist interessant, ja, und im Jahr 2023 leider immer noch ungewöhnlich. Die Kameraführung ist gelungen und harmoniert mit Sounddesign und Musik, ein bisschen (aber auch nur ein bisschen!) erinnern die romantische Farbgebung und die träumerische Aufbruchsatmosphäre an Benh Zeitlin. Leider ist der Film nicht durchgehend so poliert. Besonders die Leistung der beiden Star-Darsteller lässt zu Wünschen übrig. Sowohl LaBeouf als auch Johnson liefern uninspirierte Darbietungen und flache Figuren ab. Einzig die „Virginia-Farm-Folk“-Stimmfärbung ist von allen Darstellern gut getroffen, und der Slang lässt selbst die problematischen Dialoge die Ohren hinunterfließen wie altes Grillfett.

Und damit kommen wir auch schon zum größten Manko des Films, das ich schon in der Zusammenfassung nicht verstecken konnte: Zum Drehbuch. Sehr klassisch kommt es daher, nicht nur in der Geschichte, die leider nur in der Handlung an Twain heranreicht, nicht aber in Magie und Humor. Nein, auch die Ansichten, die hier unkritisch portraitiert werden sind über weite Strecken erzkonservativ, wirken rückständig und mindern die Glaubwürdigkeit der Figuren. So macht sich Johnsons Altenpflegerin auf ihrer Suche nach Zak Sorgen, dieser könne eingesperrt werden – mit Prostituierten! Dabei ist offensichtlich, dass hier nicht die Figur Prostituierte für Unmenschen hält, sondern, dass diese Aussage im ganzen Storyteam unreflektiert und unkommentiert geblieben ist – fast 30 Jahre nach „Pretty Woman“.

Emanzipation geht heute anders

Dasselbe gilt für den Umgang mit Zak. Bevor Shia LaBoeufs Figur Dakota Johnsons langweiligem „not-so-manic Pixie Dream Girl“-Archetyp mansplaint, dass sie aufhören soll, Zak zu bevormunden, befiehlt er diesem, seinen Kopf ins Wasser zu halten, damit er nicht mithört. Adults are talking, 34-Jährige mit Down-Syndrom dürfen offenbar nicht mitreden. Dies wird inszeniert als großer Aha-Moment für Johnson, die eigentliche Problematik bleibt unangetastet. Darsteller Zack Gottsagen spielt sein gleichnamiges Alter-Ego zwar sehr leidenschaftlich, charmant und mit viel Persönlichkeit – hier gebe ich all den Filmfestivals absolut Recht – aber trotz seiner Leistung kommt er nicht gegen die engstirnigen Zeilen an, in die er hineingeschrieben wurde.

Viele typisch-kitschige Roadtrip-Momente später ist das Ende des Films dann eine klassische Indy-Eskalation, irgendwo zwischen Wilde Kerle und Captain Fantastic. Die gänzlich unrealistische Gutmütigkeit aller Besucher eines Wrestling-Turniers führt erstens zu einem weiteren emanzipatorischen Rückschritt für Zak, zweitens wird die Chance vertan wahre Sozialkritik zu üben. Stattdessen wird einmal das R-Wort benutzt, von einer Figur die für diese Form von Bigotterie überhaupt kein Setup hatte. Offensichtlich war man mit der Materie und selbst mit dem naiven Drehbuch überfordert.

Aber nicht alles ist schlecht

Aber ein Film ist eben auch mehr als sein flaches Drehbuch. Denn genau diese Naivität gibt dem ganzen dann doch einen gewissen Charme, da der wenn auch manchmal fehlgeleitete und nicht ganz durchdachte Idealismus der Schöpfer aus jeder Pore des Films sprießt. Trotz der harschen und nicht so ganz politisch korrekten Sprache erinnert das Ganze dann an eine Kindergeschichte. Was natürlich auch die klaffenden Plotlücken wieder vergessen macht und zum romantischen Schmachten einlädt: Was könnte nicht alles großartig sein, wenn nur…

Das ergänzt sich dann ganz fabelhaft mit der träumerischen Stimmung und der unbeholfen wirkenden Darbietung von Johnson und LaBeouf (denen ich dafür aber wirklich keinen Orden anstecken würde, zumal ihre Leinwandromanze doch sehr altbacken wirkt – und Zak dann auch noch zum dritten Rad am Wagen macht). Ein Film für Träumende, also. In Träumen muss ja auch nicht alles Sinn machen.

„Peanut Butter Falcon“ ist aktuell auf Netflix zu sehen.