Acht Jahre sind vergangen, seit Lee Isaac Chung mit „Abigail Harm“ seinen dritten und letzten Spielfilm lieferte. Einen kleinen, emotionalen aber leider doch substanzlosen Festival-Indie mit einer unterforderten Amanda Plummer in der Hauptrolle. Acht Jahre. Doch dann war seine Zeit gekommen.
Mit „Minari“ überzeugte Chung Publikum, Academy und auch Verleihe auf der ganzen Welt. Und an letzter Stelle irgendwann auch mich. Ich werde hier dramaturgisch nicht um den heißen Brei herumreden, diese Kritik kommt drei Jahre zu spät und es ist einzig und allein meiner nörgelnden Netflix-Liste zu verdanken, dass sie nun überhaupt erscheint – here it goes:
Was ist hier eigentlich los?
Mit seinem vierten Spielfilm präsentiert Chung nun ein stimmungsvolles wie vielschichtiges Familiendrama und zeigt dabei eindrucksvoll die unbeschreibliche Schönheit kleiner und großer Überwindungen. Dabei bedient er sich der ruhigen, ja fast trägen Bebilderung von Lachlane Milne (DOP für u.a. „Wo die wilden Menschen jagen“ von Taika Waititi), die viel Raum lässt für Retrospektion, Introspektion und die warmen, melancholischen Weiten Arkansas‘.
Ebenda steigen wir ein, im Jahr 1980. Die koreanische Einwandererfamilie Li, das sind Vater Jacob, Mutter Monica, Tochter Anner und Sohn David fahren mit Umzugswagen und vollbepacktem Familiencombi vor einem unbeeindruckenden, einstöckigen Stelzenhaus irgendwo im Nirgendwo vor. Warum, das erfahren wir nicht sofort. Generell ist der Film mit Erklärungen und Kontext genauso träge wie mit Kamera und Schnitt.
Aber genau da liegt der Clou. Wir wissen nicht, wieso die Lis hier sind. Wir wissen nur, dass Mutter Monica das ganz offensichtlich nicht gefällt. Ebensowenig wissen wir, wieso Sohn David nicht rennen darf und wieso sich allgemein alle Sorgen und Bedenken von Mutter und Vater um ihn zu drehen scheinen. Auch wissen wir nicht, wieso Vater Jacob (gespielt von Steven Yeun) entgegen aller Interessen der Familie die Stadt verlassen wollte, nur um einen „Garten“ anzubauen. Wir wissen zu Anfang wenig. Wir sehen nur besorgte, wütende oder stoische Gesichter, hören gereizte Stimmen und werden mit diesem Unbehagen ansonsten relativ alleingelassen.
Komplexizität statt „Bubble-Brille“
Natürlich wird nach und nach alles aufgeklärt, und das anfängliche Unbehagen schwingt über in wechselwirkendes Verständnis und Unverständnis für die beiden Eltern. Und genau hier liegt die Schönheit von „Minari“. Er zeigt Menschen in all ihrer Komplexität und bietet damit eine willkommene Abwechslung zu den tugendprahlerischen Reizwerken von heute, die unreflektiert und unverholen politisch wie stilistisch eine der vielen Filterbubbles bedienen. Hier hingegen fällt es schwer, eine Meinung über die Figuren und Entscheidungen zu treffen, zu undurchsichtig sind die Hintergründe, zu komplex die abzuwägenden Interessen.
Zwar hadert Mutter Monica mit dem Leben in der Provinz, doch dem herzkranken Sohn David geht es dank des ruhigen Landlebens spürbar besser. Ebenso scheint Vater Jacob mit dem Bau seines „Gartens“ in erster Linie seine eigene Selbstverwirklichung durchsetzen zu wollen, doch erfahren wir auch von den Opfern, die er für die Familie gebracht hat. So ergeben sich viele gegeneinander abzuwiegende Interessen, die den Film gleichzeitig sehr glaubhaft und zudem ungemein spannend machen. Ständig muss man als Zuschauer neu einschätzen und bewerten, als wäre man selbst Teil der Beziehung – ein angenehm immersives Erlebnis.
Die unbeschreibliche Schönheit kleiner und großer Überwindungen
Und so kommt es auch, dass der Film schlussendlich mit einer Lektion in Sachen Überwindung schließt. Denn, ohne das Ende vorwegnehmen zu wollen, zum Wohle der Familie und letztlich ihrer selbst müssen schließlich alle Familienmitglieder lernen, sich, ihre Träume oder ihre Überzeugungen zu überwinden:
Sei es Sohn David, der das Misstrauen gegenüber seiner Oma ablegt, Monica, die ihren Kampf gegen das Landleben beendet und kükenzählen lernt, Freund Paul (erfrischend anders gespielt von Will Patton), der den gesamten Film lang sysiphosartig ein Kreuz durch die Landschaft trägt, der Kampf der Oma zurück ins Leben nach ihrem Schlaganfall (großartig und oscarprämiert gespielt von Yoon Yeo-jeong) oder schließlich Jacob, der auf der Suche nach Wasser seine Abneigung dem Wünschelroutengänger gegenüber ablegt. Alle wachsen in diesem Film, und so wächst womöglich auf der Zuschauer an diesem Film, denn Identifikationspotenzial bietet sich zuhauf.
Der Elefant im Raum & Fazit
Und so kommen wir nun zum letzten Punkt, den ich an Chungs Werk festhalten will: Vielleicht ist es euch auch schon aufgefallen. Ich habe bis hierher noch kein einziges Mal über den migrationsthematischen Elefanten im Raum gesprochen. Das war auch nicht nötig, denn vielmehr als ein Einwandererdrama ist „Minari“ eine Geschichte über Familie und die Fragen: „Was macht unsere Familie aus?“ „Was sind wir bereit, für unsere Familie zu tun?“
Natürlich ist der Film auch reich an migrationsspezifischen Problemen, die es zu überwinden gilt. So stehen besonders nach der Anreise der Oma Kulturunterschiede im Vordergrund, das von ihr angebaute, titelgebende Kraut Minari, das „überall wächst“ wird zum Symbol für Resilienz und Überwindungsfähigkeit der Familie. Auch wird die Sprachbarriere thematisiert, spätestens jedoch bei den Kindern, die perfekt Englisch sprechen und sich problemlos integrieren, wieder aufgelöst.
Dennoch ordnet sich diese Thematik versöhnlich den Familienthemen unter, wodurch sie auch gleichzeitig für diejenigen Zuschauer zugänglich werden, die selbst keine Migrationsgeschichte haben. Und wenn schließlich ein solcher Zuschauer über die Brücke des transkulturellen Nukleus Familie auch für ihn abstrakte Thematiken nachempfinden kann, schafft „Minari“ schließlich sein größtes Kunststück in Sachen Überwindung. Klare Empfehlung!
„Minari“ ist aktuell auf Netflix zu sehen.“