Seinem 3-5-Jahres-Rhythmus entsprechend hat Paul Thomas Anderson wieder einen Film gedreht. Und das ist jetzt auch schon wieder vier Jahre her. Bevor also bald der nächste kommt, beeile ich mich lieber mit der Rezension. Räusper:
Habt ihr euch auch schonmal gefragt, was passieren würde, wenn Richard Linklater anhand eines Drehbuchs von Quentin Tarantino La La Land gedreht hätte? Ich nicht, aber jetzt weiß ich es. „Licorice Pizza“ liegt inhaltlich irgendwo zwischen progressiv-nostalgischer Liebeserklärung an Hollywood und feucht-fröhlicher Fieberfantasie eines 15-jährigen Jungen auf der anderen Seite. Und es ist großartig.
Groupie-Disclaimer
Vorab muss ich der Transparenz wegen sagen: Ich bin ein riesiger PTA-Fan. Seine enorme Bandbreite und Subtilität haben mich immer beeindruckt. Ob in seinem philosofischen Fatalismus-Rundumschlag „Magnolia“, dem seicht-lieblich und trotzdem wahnsinnig spannenden „Phantom Thread“ oder seinem legendären Kult-Klassiker „Boogie Nights“: Wenige Regisseure wissen so gut wie Anderson, Dialoge mit Subtext aufzuladen und die unscheinbarsten Facetten des Schauspiels seiner perfekt gecasteten Darsteller einzufangen. Und nur die Allerwenigsten bewegen sich so sicher zwischen Thrillern wie „Last Exit Reno“ und „There will be Blood“, Biopics wie „The Master“ oder Kostümdramen wie „Phantom Thread“ und drücken allen ihren unverwechselbaren, charmant-tiefsinnigen Stempel auf.
Allgemein merkt man Anderson – wie ich finde – in vergangenen Jahren eine verstärkte Sanftheit an. Er war noch nie ein sonderlich „pornografischer“ Regisseur, will heißen, er hat sich selten an das Dogma „Show, don’t tell“ gehalten, doch diese Tendenz hat sich noch verstärkt. The Master war thematisch zwar schwer verdaulich und „gewaltvoll“, aber in seiner Darstellung sehr kontrolliert, fast steril. Der seidene Faden schließlich hat seine unheimlich sexualisierte Handlung in Blicken, Lächeln und verheißungsvollen Stillen versteckt. In diese Tradition reiht sich auch Liqorish Pizza ein.
Zur Sache, oder besser: Direkt rein in die Handlung
Ihr merkt, ich schweife ab: Ich liebe PTA! Daher kann meine Kritik an „Licorice Pizza“ auch niemals objektiv sein, sondern nur eine Größenordnung von Vorbelastung. Aber ich gebe mir Mühe: Der Film beginnt also mit besagtem 15-Jährigen: Gary Valentine, seines Zeichens pubertierender Kinderstar, ist auf dem Weg in die Turnhalle seiner High School, um ein Jahrgangsfoto machen zu lassen. Eskortiert wird er von der 10 Jahre älteren Alana Kane.
Im Fundus von PTAs Filmografie ist „Licorice Pizza“ stilistisch wie inhaltlich wohl als geistiger Nachkömmling von „Boogie Nights“ zu verstehen. Beide Filme spielen im San Fernando Valley der 1970er Jahre, beide Filme verfolgen einen individualistischen Teenager, der seine eigenen Heldenreise bis ganz nach oben bestreitet, und beide Filme quillen förmlich über vor popkulturellen Referenzen an die „gute alte Zeit“, das Hollywood der Movie Brats wie Spielberg und co – epochenkonforme Hits, schmierige Produzenten und Hypersexualisierung inklusive.
Aber während der angehende Pornokönig Dirk Diggler von einer prekär-brisanten Situation in die nächste katapultiert wird – folglich überwiegend reagieren muss, folgt Gary Valentine meist seinem eigenen Plan. Unbeirrt trifft er waghalsige Entscheidungen, agiert aus eigenem Impuls, und eher sind es die Anderen, die seine Handlungen nachvollziehen und damit umgehen müssen und diese dadurch öfter als überstürzte Kurzschlusshandlungen enttarnen.
Hollywood-Romantik mit Sepia-Filter
Genauso unverhofft wie der Film beginnt zerrt PTA seine Zuschauer auch weiterhin von einer Anekdote in die nächste. Dabei wirkt das Drehbuch in seiner Charakterzeichnung und seiner liebevollen Darstellung Hollywoods fast naiv. So werden anekdotisch aufgeführte Rückschläge und ernüchternde Ersteindrücke von Hollywood, Politik und Showmanship immer in starken Kontrast gesetzt zu deren Vorzügen. Diese werden anhand von Garys furchtlos überstürzten aber immer erfolgreichen Wirtschaftsunterfangen dargestellt.
Die Darsteller geben ihre Dialoge stets eher steiff wieder. So wirken Unterhaltungen wie eine Lite-Version von Kaurismäki, oder eine FSK-12-Fassung von Tarantino. Das hat Charme und zeugt von Leidenschaft und einem Blick für das „Meta-Game“, den nur ein blinder Liebhaber wie Anderson aufbringen könnte.
Manchmal wirkt dieser wilde Ritt durch die Hollywood Hills fast zu anekdotisch, Handlungsstränge sind oftnicht zuende gedacht und fügen sich nicht schlüssig ineinander. Dennoch ist „Licorice Pizza“ alles in allem eine zwar holprige aber doch runde Erzählung, in der viele Fäden, Kontraste und Emotionen zusammenfließen. Auch die Figuren verkörpern sehr gegensätzliche Lebensphilosophien. Sie: Anspruchsvoll, zögerlich, kritisch. Er: naiv, stürmisch, optimistisch. Nur gemeinsam sind sie stark.
Hinter den charmant überzeichneten Masken der beiden Figuren verbergen sich im Mittelpunkt der Handlung völlig unbekannte Darsteller: Cooper Alexander Hoffman als Gary Valentine & Alana Haim als Alana Kane feiern mit Licorice Pizza beide ihr Filmdebüt! Ihnen gegenüber stehen gestandene Größen in fast allen Nebenrollen, und dazu zählen auch die kleinsten Statistenrollen!
Bradley Cooper, Tom Waits, Sean Penn, Benny Safdie und viele andere reihen sich in eine nicht enden wollende Barrage an Stars. Man blickt mit trähnenden, zusammengekniffenen Augen in den verrauchten Luxuskneipen der Thespenhochburg umher und fragt sich plötzlich: „War das eben John C. Riley rechts an der Seite???“ Scorcese, der dies jüngst in „Killers of the Flower Moon“ getan hat, lässt grüßen.
Man merkt dem Ensemble an, dass zwischen der ganzen Erfurcht am Set auch Spaß herrschte: Viel Leidenschaft, viel Humor, großartige Chemie zwischen den Hauptdarstellern und dem gesamten Cast, schmiegen sich vortrefflich in die romantische LA-Szenerie.
Ein Meister wird alt – und das ist gut!
Allgemein merkt man PTA in vergangenen Jahren eine verstärkte Sanftheit an. Er war noch nie ein sonderlich „pornografischer“ Regisseur, will heißen, er hat sich selten an das Dogma „Show, don’t tell“ gehalten, doch diese Tendenz hat sich noch verstärkt. The Master war thematisch zwar schwer verdaulich und „gewaltvoll“, aber in seiner Darstellung sehr kontrolliert, fast steril. Der seidene Faden schließlich hat seine unheimlich sexualisierte Handlung in Blicken, Lächeln und verheißungsvollen Stillen versteckt. In diese Tradition reiht sich auch Licorice Pizza ein. Dies fällt auch im Vergleich zu Boogie Nights auf, der ansonsten inhaltlich sehr viele Parallelen aufweist und nach einem direkten Vergleich nahezu schreit.
Mir gefällt die unaufhaltsame Weiterentwicklung und ich bin gespannt, was als nächstes kommt!